Diese Reise war Wahnsinn

 

Diese Reise war lecker

Am Nachmittag des 4. April, einem Samstag, starten wir bei vorfrühlingshaften Temperaturen von Frankfurt nach Ho Chi Minh City, bekannt auch als Saigon, kommen 11 Stunden später am Morgen des 5. April, einem Sonntag, um 7.00 Uhr morgens an.
Die Flugzeugtür öffnet sich und die heisse, feuchte Luft schlägt einem wie eine Faust ins Gesicht. Für die nächsten Wochen wird sich an diesen Temperaturen nichts mehr ändern und wir nehmen in Kauf, tägliche Luftfeuchtigkeit von ca. 70 % zu haben.
Der Flughafen ist stadtnah und sofort pulsiert der Verkehr und das tägliche Leben um uns herum. Unsere Reisebegleitung und ein örtlicher Reiseleiter, von dem später mehr berichtet wird, nehmen uns am Flughafen in Empfang und nach einer halben Stunde Fahrt erreichen wir unser Hotel mitten in der Altstadt. Unser Zimmer schaut auf einen Hinterhof, dafür ist es ruhig.
Wir gönnen uns eine Stunde zum Frischmachen und dann geht es endlich los. Allgemeines Treffen in der Hotellounge, gleichzeitig Frühstücksraum und Bar. Wir erhalten ein paar Infos über den Ablauf der nächsten Tage und laufen dann eine halbe Stunde zum Ben-Thanh-Markt, dem grössten Markt Saigons und mit seinem Uhrturm ein Wahrzeichen der Stadt.

 

Überall herrscht hektische Betriebsamkeit und durch die Strassen bahnen sich Tausende von Motorrädern, Fahrrädern und Rikschas ihren Weg.

Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Gewürze, Tabak, Sandalen, Hüte, Haustiere, Taschen und Koffer, Werkzeuge, Stoffe, es gibt (fast) nichts, was sich dort nicht finden liesse. Aus allen Ecken tönt es: „Madame, Madame, we have nice color - Madame, Madame, we have your size". Wir liebäugeln mit einem Koffer, sind doch meine Reisetasche und das Trolleygestell nur knapp zusammengehalten angekommen. Über den sog. „Wieselkaffee" haben wir uns schon zuhause schlau gemacht und erstehen sofort ein Pfund. "Madame, Madame, very cheap price."  Ob es wirklich Wieselkaffee zu diesem Preis ist, werden wir zuhause schmecken. Bei dieser Hitze hilft nur der Kauf eines Fächers. "Madame, Madame, we have many colors".

Das Rathaus liegt linkerhand, flankiert von viel Grün und einer Statue von Onkel Ho mit seiner typischen Sitzhaltung. Wie biegen ein in die Dong Khoi, einer weiteren Prachtstasse mit vielen Hotels und schönen Bauten. An deren Ende liegt die Kirche Notre Dame, beeindruckend auch die gegenüberliegende Post mit der Rundbogendecke und dem großen Bild von Ho Chi Minh. Nach einem kurzen Gang erreichen wir den Palast der Wiedervereinigung. 1975, als der Norden und der Süden wiedervereinigt wurden, hat diese Zeremonie in den Räumen des Palastes stattgefunden. Mit seinen über 100 Zimmern galt das 1963 entstandene Gebäude als Nonplusultra avantgardistischer Architektur. Den besichtigen wir natürlich. Ich finde alles spannend, die Schreibtische hatten Ausmaße wie heute 4 Tische, die Telefone erinnern an längst vergangene Zeiten.

Den ganzen langen Weg zurück zum Markt gehen wir zu Fuss. Unseren Kofferstand von heute morgen finden wir natürlich nicht wieder, aber es gibt etliche andere. Sofort ertönt es wieder: „Madame, Madame, we have many color." Wer kann da widerstehen ? Einige kleine Seidenschals wechseln die Besitzerin und auch ein Koffer wird angeschafft. Madame, Madame ... schallt es so ziemlich 100 Mal während der Käufe. Alle Taxifahrer vor dem Markt wollen uns kutschieren, aber wir sind trotz Koffer weiter gut zu Fuss, stärken uns mit einem Joghurt-Eis und treffen uns mit der Gruppe zu einem gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant unweit des Palastes. Na schön, wir treffen nicht unseren Geschmack, allen anderen scheint es zu schmecken. Das Restaurant ist gross, gut besucht und alle Gäste sind laut und hektisch. Wir stellen im Verlauf der Reise fest, dass diese Gepflogenheiten in allen vietnamesischen Restaurants gleich sind. Ein Bier in einem anderen Restaurant, das erst gekühlt wird, als wir bestellen, rundet den Abend ab.

Den nächsten Tag beginnen wir mit einer Rikschafahrt. Bereits um 8.00 Uhr ist es glutheiss, als jeder von uns eine Rikscha besteigt und die Fahrt durch die Stadt beginnt. Es ist spannend und aufregend, sind wir doch mitten im Verkehr dabei und rings um uns herum brodelt und hupt es ununterbrochen.
Wir besichtigen 2 Pagoden und den chinesischen Markt Cho Lon, der sich wesentlich von Ben Thanh unterscheidet. Luc, unser örtlicher Guide, erklärt uns unpragmatisch die Geschichte, das Zustandekommen der Pagoden und was gewisse Rituale bedeuten. So werden nicht nur Räucherstäbchen angezündet sondern viele andere Opfergaben gebracht in Form von Obst, Gemüse und Fleisch, so werden z.B. Vögel in einen kleinen Käfig eingefangen, um sie dann später wieder als glücksbringende Symbole fliegen zu lassen. Kleine Schildkröten in Bassins erfüllen einen ähnlichen Zweck.

Der Markt Cho Binh Tay in Cho Lon ist doppelt so groß und doppelt so eng wie Ben Thanh und der chinesische Einfluss deutlich spürbar, wie überhaupt im ganzen Viertel. Wir bestaunen Gewürze, getrocknete Pilze und andere Esswaren, von denen wir nie etwas gehört oder gesehen haben. Wir fragen mehrfach nach, doch leider klappt es nicht mit der Verständigung.

Mit der Rikscha geht es weiter zur Pagode Chua Quan Am. Das Rikschafahren ist ein tolles Erlebnis, sind wir doch mittendrin in diesem brodelnden Hexenkessel von Mopeds, Bussen und LKW's. Verkehrsregeln bleiben unseren Augen verborgen, aber irgendwie kommt jeder voran.

Die Pagode Chua Quan Am ist der Göttin der Barmherzigkeit gewidmet, ihre weissgewandete Statue findet man zwischen verschiedenen Buddhas, die auch eine Funktion haben. Buddha beschützt die Tugend, ein anderer das häusliche Glück, ein weiterer die Seefahrer. Alle Pagoden wurden einstmals als Tempel errichtet, die die über das Meer geflüchteten Chinesen erbaut und zum Dank weiter unterhalten. Deshalb befinden sich am Eingang der beiden Pagoden auch Boote, die einen Teil der Geschichte ausdrücken. Es ist schwierig, sich die Religion mit Buddhas, Drachen, Löwen, Tieren und Fabelwesen vorzustellen, begreife ich doch nicht mal unsere eigene Religion. Einem Löwen hat man als Opfergabe frisches Fleisch (Kotlett) ins Maul gesteckt.

Wir laufen die Uferstrasse entlang. Viele Hotels sind hier angesiedelt und genau das Luxushotel Renaissance Riverside ist unser Ziel. Im 21. Stockwerk gibt es eine Dachterrasse mit großem Swimming-Pool und von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf Saigon und den Fluss. Und genau den Blick wollen wir bei einem Cocktail geniessen. Gefällt uns wirklich gut hier oben, aber jedes Glas wird einmal leer und wir stürzen uns wieder in den Moped-Moloch Saigon.

Die Dong Khoi, eine von Saigons Prachtstrassen, schlendern wir in Richtung Stadtmuseum und kehren in einem netten Restaurant ein. Es schmeckt sehr lecker und unsere Cocktails im Hotel haben das 4-fache vom Essen hier gekostet. Wir schlürfen ein Nudelgericht mit leckeren Röllchen und einer schmackhaften Sauce. Alles für 3,- für 2 Personen.
Am Nationalmuseum vorbei zieht es uns noch einmal in Richtung Markt. Wir schlendern hin und her und überlegen, noch einen Rucksack zu kaufen. Der gestrige Koffer ist einfach zu klein und wird nicht alle Einkäufe fassen !!!
Das Erlebnis Einkaufen geniessen wir wieder mit einem gefrorenen Joghurt-Eis beim Tutti-Frutti. Gesättigt vom Markt geht es jetzt heimwärts. Gleich darauf fängt es an zu regnen und wir sind erstaunt, wo all die Mopedfahrer so schnell Regencapes herzaubern, hat doch keiner eine Tasche oder eine Box auf seinem Zweirad.

Der nächste Tag bringt uns nach Cu Chi, dem unterirdischen Tunnelnetz der Vietcong. Über verstecke Eingänge zu erreichen, erlangte die unterirdische Festungsanlage kriegsentscheidende Bedeutung im Widerstand gegen die Amerikaner.
Cu Chi liegt ca. 50 km südlich von Saigon und ziemlich genau in der Mitte zwischen Saigon und der kambodschanischen Grenze. Für die Fahrt benötigen wir ca. 2 Stunden. Schritttempo bis zur Stadtgrenze.
Das Tunnelgebiet liegt eingebettet in ein Waldgebiet mit Bambus, Gummibäumen und eukalyptusähnlichen Bäumen.
Ein qualitativ schlechter Film zeigt uns das damalige Kampfgebiet mit seinen Bunkern, Lazarett, Küche und allem Kriegswerkzeug, das den Vietnamesen damals zur Verfügung stand. Selbstverständlich sind die Tunnel für Touristen hergerichtet, d.h. größer und breiter gemacht worden, aber als wir etwa 30 m durch einen Tunnel nur in gebückter Haltung kriechen, reicht uns das auch schon.
Am Ende der Besichtung wartet ein Schälchen Tee auf uns, zusammen mit Manjok, die ähnlich wie Kartoffel schmeckt und die man in gemahlene Erdnüsse taucht, damit es herzhaft schmeckt.
Auf dem Rückweg beginnt es zu regnen, so gönnen wir uns nach Ankunft im Hotel eine belebende Fussmassage.

Weiter zu Teil 2 - Mekong Delta                                 Zurück zu Reisen Asien